
"Laura di Rimini" von Carlo Lucarelli
DuMont euro 9,90
Gutes Mädchen in der Hölle
Carlo Lucarellis Krimi-Kunst: In seinem neuen
Buch blüht das Böse
09. September 2004 Längst ist die blaue Blume
der Romantik verwelkt. Als ungleich haltbarer
haben sich die Blumen des Bösen erwiesen,
die eine Schwarze Romantik zum Blühen gebracht
hat. Namentlich ihre melodramatische Spezies
ließ sich in nahezu alle Gattungskulturen
einkreuzen. Ihr evolutiver Triumph war dabei
ihre Schwarzweißdramaturgie. In der Regel
verkettet sich ein unschuldiges Wesen mit
einem verbrecherischen. Vieles läßt sich
in diesen Gegensatzzusammenhang eintragen:
der nie endende Kampf zwischen Gut und Böse,
Ordnung und Chaos, Trieb und Tugend - der
Mensch in seinem ganzen Widerspruch. Insbesondere
populäre Kunst hat daraus ihren Erfolg gezogen,
Romane, Filme, das Kriminalgenre, Groschenhefte,
Comics, Fantasy.
Dieses weite Feld bestellt auch einer der
erfolgreichsten zeitgenössischen italienischen
Autoren. Carlo Lucarelli schreibt schnell,
gut, intelligent und unterhaltsam. Das können
andere auch. Was seine fünfzehn Romane in
zehn Jahren aber unterscheidet (und auszeichnet):
Sie sind immer auch in einer zweiten, tieferen
Hinsicht lesbar. Das jüngste Beispiel in
deutscher Übersetzung heißt "Laura di
Rimini". Sie studiert im vierten Semester
Literatur in Bologna und besetzt in diesem
Gangsterstück die Rolle der Unschuld; groß,
brünett (nicht blond!), hübsch, in Jeans,
Turnschuhen und Polohemd. Der Part des Guten
wird ihr zeitgemäß zugeteilt: unauffällig
normal und anständig.
Neben ihr, ebenso selbstverständlich, die
perverse Normalität des Verbrechens. Durch
einen Zufall verstricken sich die beiden
so unterschiedlichen Welten ineinander. Auf
einer Abschlußfeier verwechselt Laura ihren
Rucksack. Statt mit ihren Habseligkeiten
hat sie es jetzt mit vier Kilo reinstem Heroin
zu tun. Der regionale Großverbrecher läßt
die Unschuld verfolgen, und die Geschichte
hat ihr bewegendes Problem: Wie reagiert
ein "gutes" Mädchen auf diese Bedrohung
durch das Böse? Die Pointe: ganz anders,
als zu erwarten war. Gewiß, wie sollte sie
keine Todesängste ausgestanden haben, "nachdem
man auf sie geschossen hat, nachdem man an
ihr herumgeschnippelt, sie verfolgt, gefesselt,
gefoltert hat, nachdem sie eine Woche auf
einer Raststätte gelebt, sich für einen (impotenten)
Psychopathen ausgezogen und wer weiß wie
viele Menschen sterben gesehen hat"?
Das Wie und Was sollte der Lektüre vorbehalten
bleiben.
Das Genre will in aller Regel, daß die "Unschuld"
unbeschadet von ihrem Gang durch die Hölle
zurückkehrt. Doch wie? Die erste Antwort
ist eindeutig und hat ein wenig von der unerträglichen
Leichtigkeit der Comic strips. In höchster
Not greift stets ein deus ex machina ein,
der rettende Zufall. Doch er hat, in zweiter
Hinsicht, Methode. Das organisierte Verbrechen,
so gibt Lucarelli zu verstehen, gerät in
eine tödliche Krise, wenn seine Organisation
nicht perfekt funktioniert. Eine solche Störung
löst Laura aus. Die Agenten des Kartells
verlieren die Ordnung und bringen sich selbst
oder gegenseitig um - eine moderne Spielart
der schönen, melodramatischen Illusion, daß
das Böse sich zuletzt selbst zerstört.
Doch nicht darauf kommt es dem Autor an.
Augenzwinkernd gibt er zu verstehen, daß,
wer sich kadavergehorsam einer Ratio verschreibt,
sich zum Klischee macht. Zum Zeichen dafür
läßt er einige seiner Schurken mit burlesken
Mickey-Mouse-Masken vorgehen. Andernorts
zeigt er ihr wahres Gesicht dahinter: In
Wirklichkeit leben sie wie in (Kriminal-)Filmen,
die für sie die Wirklichkeit sind. In ihrer
Welt geht Fiktion in Realität und Realität
in Fiktion über. Mit anderen Worten: Sie
können nicht mehr unterscheiden. Mit dem
bittersüßen Nebeneffekt, daß auch der Roman
über sie selbst wie ein Film geschrieben
ist.
Laura aber überlebt - aus demselben Grund,
warum ihre Gegner umkommen mußten. Natürlich
kannte sie die massenhaften Verabreichungsformen
von Kriminalität; die Blockbuster-Videos
eines Freundes oder auch den einen oder anderen
"Derrick" (!). Aber, so heißt es
wiederholt, sie lehnte sie ab. Das war ihre
Überlebenschance: Sie spielte die Hauptrolle
in einem Thriller, hielt sich aber nicht
an seine Dramaturgie. Wie sie reagieren würde,
war für das Gegenspiel dadurch unvorhersehbar,
so sehr, daß es glauben mußte, sein Film
sei gerissen. Dieser Albtraum hat jedoch
auch ihre Normalität verändert. Sie konnte
zwar immer noch lächeln. Doch ihr Blick wurde,
wenn es darauf ankam, "ernst und böse".
Das ist Lucarellis Medienkritik durch die
dunkle Brille des Verbrechens hindurch. Viel
"Gutes" bleibt dabei nicht übrig.
So viel immerhin: "Keine Sorge",
sagt Laura zum Schluß, "ich komme immer
durch." Normal also ist, wem es gelingt,
sich die Fiktionen vom Leibe zu halten, die
sich als Realität ausgeben.
WINFRIED WEHLE
Carlo Lucarelli: "Laura di Rimini".
Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von
Peter Klöss. DuMont Buchverlag, Köln 2004.
106 S., br., 9,90 [Euro].
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.09.2004,
Nr. 210 / Seite 36