Original:
Almost Blue Dumont gebunden ISBN 3-7701-4471-6
"Almost Blue" ist der Lieblingssong des 25-jährigen Simone, weil Chet
Baker ihn mit geschlossenen Augen singt. Simone ist von Geburt an
blind. Mit seinen elektronischen Geräten geht er auf die Jagd nach den
Tönen und Stimmen der Stadt Bologna. Simone lotet die Stille aus. Jeder
Klang hat für ihn eine Farbe: "Ein bildschönes Mädchen hätte blaues Haar".
Ein Serienmöder im studentischen Milieu von Bologna wird Leguan
genannt, denn er schlüpft in die Haut seiner Opfer. Der grüne Leguan:
Grazia, die junge Fahnderin, macht
Jagd auf ihn - mit Hilfe von Simone.
Rezension:
Ein wahnsinniger Killer, ein Blinder und
eine Polizistin mit Menstruationsbeschwerden
- um dieses eben so ungewöhnliche, wie mitreißende
Trio kreist der Roman des italienischen Erfolgsautors
und diesen Figuren sind auch die drei erst
parallelen, dann sich überlappenden Handlungsstränge
zugeordnet.
Zwei Ich-Erzähler tun ihr Bestes, um den
Leser einerseits in ihre ganz spezielle Welt
hineinzuziehen und ihn andererseits zu verwirren.
Da ist einmal der "Leguan", eine
außerordentlich grausame, aber gleichzeitig
auch ungemein tragische Person, die nicht
nur permanent gegen die Stimmen und vor allem
die Todesglocken in ihrem Kopf ankämpft,
sondern auch vom Gedanken besessen ist, ein
Tier unter der Haut zu haben und sich deswegen
immer wieder (und immer häufiger) häuten
zu müssen. Dies bewerkstelligt der Täter
dadurch, dass er stets neue Identitäten annimmt
- und dabei vor keiner Anstrengung zurückschreckt.
Der andere, der den Leser von der ersten
Seite an packt mit seinen lebendigen und
ganz und gar ungewohnten Schilderungen ist
der junge Simone (im Italienischen ein gebräuchlicher
Männername), von Geburt an blind, der seine
sämtlichen Sinneseindrücke in Farben umwandelt.
Den ganzen Tag lang ist er damit beschäftigt,
Jazz zu hören oder mit acht Scannern aufzufangen,
was an Geräuschen, Stimmen, elektrischen
Impulsen durch den Äther fliegt. Egal ob
der Austausch von LKW-Fahrern mittels CB-Funk,
Nachrichten aus dem Polizeifunk oder Chats
mit und ohne Mikrophon - Simone hört alles.
Und erkennt inmitten dieser Kakophonie eine
unheilschwangere Stimme.
So kommt es, dass er auf Grazia trifft, das
dritte Element dieses unglaublich spannenden
Romans, die Polizistin aus Lecce, die man
nach Bologna geschickt hat, um den Serienmörder
zu finden. Sie hat Instinkt und Biss - und
den braucht sie auch, in dieser von Männern
dominierten Welt, von dummdreisten Kollegen
nicht nur belästigt, sondern nachgerade behindert,
teils absichtlich, teils aufgrund purer Unfähigkeit.
Und während das Blut in Strömen fließt, die
Verwirrung aller handelnden Personen ständig
zunimmt und der Leser ob der sich überstürzenden
Ereignisse gar nicht mehr zum Atmen kommt,
fügt Lucarelli immer wieder völlig unerwartet
Absätze reinster Poesie ein.
Mit Assoziationen spielt er, der "Shooting-Star"
der italienischen Krimi-Szene, mit Worten,
Klängen und Gefühlen. Dort ironisch überhöht,
da metaphysisch angereichert und ein Feuerwerk
an Emotionen wo man es am wenigstens erwartet.
Kein Wunder, dass das Buch mittlerweile verfilmt
und als Theaterstück adaptiert wurde, ist
es doch gleichermaßen verstörend und von
ganz eigener Schönheit.