Original: Il
giorno del lupo Dumont gebunden ISBN 3-7701-5240-9
Die junge, hübsche und anarchische Nikita, die als Moped-Kurierfahrerin
ein rätselhaftes Päckchen durch einen dummen Zufall nicht ausliefern kann,
sucht Rat und gerät an ihren alten Bekannten Coliandro. Der wäre so
gerne ein Clint Eastwood-Inspektor, hat aber nur einen ruhmlosen Abstieg
vom Streifenpolizisten zum Leiter der Kantinenbeschaffung hinter sich.
Der verliebte Versager Coliandro versucht, am Rande der Legalität den
Helden zu spielen und lässt keine Gelegenheit aus, die "Wölfe" der Mafia
auf seine und Nikitas Spur zu lenken.
Nur Schutzengel können im Showdown helfen.
Rezension:
Sie haben lange nicht gelacht?
Dann nichts wie hin in die nächste Buchhandlung
und diesen Titel besorgt - Sie werden es
nicht bereuen.
Da wo Inspektor Clouseau, selbst wenn er
das tut, was gemeinhin als "Mist"
bezeichnet wird, immer noch am Ende eine
Beförderung erhält, geht es seinem italienischen
Kollegen Coliandro, dem Ich-Erzähler, leider
ganz anders. Dieser arme Tropf, der mit Vorliebe
in nur jedes verfügbare Fettnäpfchen tritt
und dabei die Zehen seiner Vorgesetzten und
Kollegen auch nicht auslässt, der wird wegen
diverser Verfehlungen in die Materialbeschaffung
der Kantine versetzt - wo er als eine seiner
ersten Amtshandlungen aus Versehen 10.000
Becher Blaubeerjoghurt bestellt ...
Und ausgerechnet diesem Menschen, dessen
zweiter Vorname "Unglücksrabe"
lauten könnte, erzählt die aus Lucarellis
gleichnamigen Roman (ebenfalls mit Coliandro
in der Hauptrolle) bereits bekannte "Nikita"
eine sonderbare Geschichte, die ihr während
ihrer Tätigkeit als Fahrradkurier zugestoßen
ist. Um einen Haufen Geld geht es da, sowie
eine Kassette und eine Diskette und um die
Tatsache, dass das Mädchen mit der Lederjacke,
den Springerstiefeln, Netzstrümpfen und dem
Minirock nicht wirklich weiß, was sie nun
tun soll ...
Als Nikita (die eigentlich Simona heißt)
dann feststellt, dass Coliandro nicht etwa
aufgestiegen sondern im Gegenteil der selbe
Trottel geblieben ist, wie im ersten Band,
ist es bereits zu spät: Da stecken der Mann
und das Mädchen schon bis zum Hals im Blut
einer Leiche ohne Gesicht und die Verfolgung
durch Mafia und Behörden lässt auch nicht
lange auf sich warten.
Mit einer so temporeichen Schreibe, dass
man als Leser selbst die Beine in die Hand
nehmen und so weit als möglich wegrennen
möchte, von dieser verfahrenen Situation,
hetzt Autor Lucarelli uns durch 140 Seiten
voller Witz, Ironie, Action und Spannung.
Er schreckt nicht davor zurück, sich selbst
(unter dem Deckmantel eines Journalisten)
in die Handlung einzubringen, deren Erzählablauf
immer wieder alterniert wird mit Nachrichtensprengseln,
Ausschnitten aus dem Polizeibericht, Zeitungsartikeln
und köstlichen Abhörprotokollen. Gerade im
Zusammenhang mit letzteren gelingt es dem
Mitbegründer der literarischen Zirkels "Gruppo
13" die wohl auch in der Realität nicht
viel weniger absurden italienischen Verhältnisse
süffisant offen zu legen, etwa wenn der Abhörvorgang
der Zollfahnung unterbrochen werden muss,
weil ein "Spannungsabfall der Batterien"
vorliegt ...
In den skurrilen und aberwitzigen Szenen
- in denen das Blut durchaus auch einmal
in Strömen fließen darf - seines ereignisreichen
Plots verwendet Lucarelli eine ausgesprochen
bildreiche Sprache, in der selbst der zahlreiche
Gebrauch einschlägiger Ausdrücke weder aufgesetzt
noch abstoßend vulgär wirkt. So reden sie
halt, diese Protagonisten, die in jedem Kapitel
tiefer in den Sumpf aus Verbrechen und Korruption
hineinrutschen.
Und wenn etliche Messerstiche, Streifschüsse
und Tritte in die Weichteile später doch
noch alles ein glückliches Ende findet, dann
atmet der Leser zwar erleichtert auf - kann
aber gleichzeitig ein leises Bedauern über
das Ende einer wunderbaren Story, aus der
fast eine Liebesgeschichte hätte werden können,
nur schwer unterdrücken.
Miss Sophie
***
Zartbesaitete Leser werden geneigt sein,
das Buch nach Lesen des Epilogs zunächst
wieder schnellstens aus der Hand zu legen.
Mit außerordentlicher Liebe zum Detail -
wobei Blutströme, zerschmetterte Schädel
und klirrendes Porzellan gleichermaßen detailliert
geschildert werden - lässt Carlo Lucarelli
gnadenlos Menschen sterben, zerfetzen und
hinrichten.
Wobei, das muss man dem Autoren zugestehen,
er gekonnt farbliche Kontraste setzt, so
dass selbst weniger phantasievolle Menschen
keinerlei Mühe haben, sich das grauenhafte
Szenario in sämtlichen Ekel erregenden Einzelheiten
vorzustellen.
Nach dem anfänglichen Inferno beginnt der
Antiheld des Buches, Coliandro, degradierter
Polizist im internen Kantinendienst, in gewöhnungsbedürftiger
Sprache und aus seiner Perspektive eine kleine
Geschichte zu erzählen, die selbstverständlich
- wir bleiben ja im Klischee und in Italien
- von, mit und über die Mafia bzw. ähnlich
geartete Gruppierungen handelt.
Nach den ersten knappen Kapiteln wird zumindest
eines ganz klar: Das Wort "Scheiße"
lässt sich in wesentlich vielfältigerer Form
anwenden, schreien, hauchen, seufzen, lispeln,
flüstern, brüllen, ächzen, jammern, singen
oder auch mal zitieren, als jeder normal
Sterbliche zuvor geahnt hätte.
Variantenreich hierbei die Vielzahl der fäkalen
Schimpftiraden, die das Wort entsprechend
ergänzen oder ihm die besondere Note verpassen.
Alleine diese ausdrucksstarke Gewandtheit
des Autors bringt jeden sprachlich Interessierten
dazu weiter zu lesen, auch wenn die Trotteleien
Coliandros recht schnell zu langweilen beginnen.
Neudeutsch ausgedrückt ist Coliandro ein
typischer Loser Typ, jemand, dem es immer
und immer wieder gelingt in sein - bereits
erwähntes - Lieblingswort zu greifen, tief
und innig.
Nicht umsonst darf er keine Fälle mehr lösen,
sondern plagt sich mit Joghurteinkäufen und
kaufmännischen Spielereien, was seine Ehre
gehörig ankratzt, sein Selbstbewusstsein
eher weniger.
Wie der Zufall es so will, befindet er sich
einmal mehr am falschen Ort zur falschen
Zeit und trifft so auf eine "alte"
Bekannte, Marke eigensinniges Punkermädchen,
genannt "Nikita", die Coliandro
in eine blutrünstige Angelegenheit hineinzieht.
Nikita, eigentlich Simona, weiß selbstverständlich
nichts von Coliandros Degradierung, was zu
einem weiteren, aber harmlosen Verwirrspiel
führt.
Es geht, natürlich, um eine Menge Geld und
worum sonst ist nicht wirklich wichtig in
diesem Roman.
Neben Coliandros Berichten darf der hoffentlich
mit einem guten Gedächtnis gerüstete Krimifan
teilhaben an diffusen Abhörprotokollen, Zeitungsberichten,
Polizeiprotokollen und Gesprächsfetzen, deren
Sinn zuweilen schleierhaft bleibt, den Lesefluss
jedoch nicht weiter hemmt.
Um weitere Klischees erfolgreich zu erfüllen
kommt es am Ende zu dem, was Mitfiebernde
sich wünschen und erhoffen.
Doch halt, nicht ganz, die Liebe bleibt auf
der Strecke, aber das ist stimmig, das passt
schon ins Gesamtbild.
Carlo Lucarelli spricht mit seinem Roman
Liebhaber des skurrilen Humors an. Wer diese
Eigenschaft besitzt, der wird das Buch als
wahren Lesegenuss empfinden.
Diejenigen jedoch, denen nicht gleich bei
jedem sowohl trivialen als auch vulgären
Gefluche ein Lacher über die Lippen rutscht,
werden das Buch aus der Hand legen, zufrieden
sein über wenige Stunden seichter Unterhaltung
und es dann schlicht und schnell vergessen.